Der Autor

Hermann Pölking

Hermann Pölking, geboren 1954 in Bremen, studierte Publizistik in Westberlin, wo er ab 1979 Gesellschafter beim Verlag Elefanten Press war. Seit 1983 ist er Lektor, Herausgeber und Buchautor. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte deutscher Länder. 2005 erschien von ihm die Dokumentation »Die Deutschen 1815 bis heute« (Piper Verlag). Hermann Pölking lebt zurzeit in Bremen und Berlin.


Interview

Herr Pölking, sind Sie ein Nostalgiker?

Nein, ich lebe gerne im hier und jetzt. Wir haben im Hier und Heute in Mitteleuropa die beste aller Zeiten. Aber das vergesse ich fast nie - beim Gang über den Marktplatz in Bremen nicht und auch nicht bei einer Fahrt übers Land zur besten Erntezeit - dass alles seine Geschichte hat. Und wenn wir uns ihrer erinnern, die Quellen studieren und etwas Phantasie mitbringen ist alles noch da, was einmal war. Für mich ist das tröstlich. Übrigens habe ich auch deshalb das Buch im Präsens geschrieben, die Vergangenheit verlässt uns nicht.

Mit „Ostpreußen" verbindet jeder sicher etwas anderes, aber auf Anhieb fällt den meisten vermutlich „lange her", „ehemals deutsches Ostgebiet", „karge Landschaft", „Vertreibung"... ein. Wie sind Sie gerade auf dieses Thema gekommen, was hat Sie daran gereizt?

Schon in der Frage stecken einige Ungenauigkeiten. „Lange her" ist relativ. Ich bin ja Jahrgang 1954, wurde also nur neun Jahre nach dem Kriegsende und dem Ende von Ostpreußen geboren. Im Geographieunterricht meiner Schulzeit standen Schlesien, Pommern und Ostpreußen noch auf dem Stundenplan. „Ehemaliges deutsches Ostgebiet" war Ostpreußen genau genommen weniger als 75 Jahre, von 1871 bis 1945. Ostpreußen war der Osten von Preußen. Das ist etwas anderes. Preußen war sicher ein deutsches Land, aber nicht nur. Es war neben vielem in Teilen auch litauisch und polnisch geprägt – besonders in der Provinz „Ostpreußen".

Zur „Landschaft": Ostpreußen ist zwar eine Provinz, aber nicht nur eine Landschaft. Dazu war es zu vielgestaltig und vielfältig. Satte Niederungen mit wohlhabenden Bauerngeschlechtern auf stolzen Höfen fanden sich neben dem kargen masurischen Süden mit seinen sandigen Bögen, aus Norddeutschland bekannte Tiefebenen neben sanftem Hügelland. Ostpreußen war in den letzten Jahrhunderten übrigens nie ein Land der dunklen Wälder. Für eine extensive Forstwirtschaft war der Boden zu fruchtbar und wurde urbar gemacht.

Zum Thema „Vertreibung". Ich verbinde nach vier Jahren Arbeit am Thema mit Ostpreußen jetzt eher den Begriff „Untergang". Flucht und Vertreibung betreffen ja 1944/45 den gesamten Osten Europas. „Untergang" im Sinne von – um einen populären Mythos zu zitieren – „Titanic", den assoziiere ich mit Ostpreußen, mehr als beispielsweise mit Schlesien und den Gebieten der Sudetendeutschen. Das liegt am gefahrvollen Fluchtweg über das brüchige Eis des Frischen Haffs von Januar bis März 1945, das liegt am Untergang der Flüchtlingsschiffe in der Ostsee, auch an dem Hungermartyrium der verbliebenen Deutschen bis zur Zwangsaussiedlung 1948. Solche Untergänge schaffen Mythen, das hat mich zugegeben interessiert. Und ich zertrümmere diese in dem Buch auch nicht, weil ich alles in den Quellen bestätigt gefunden habe, was den Untergangsmythos geschaffen hat. Es war wirklich ein katastrophaler Untergang, den wir Deutschen heute um des Friedens Willen nicht vergessen sollten.

Hat sich Ihre Sicht auf Ostpreußen mit der Arbeit am Buch verändert? Woran denken Sie heute als erstes bei dem Thema?

Es mag Sie überraschen: Neben Flucht, Vertreibung und Aussiedlung, neben Gedanken an Ännchen von Tharau, Immanuel Kant, Tannenberg, und Hindenburg denke ich ans Wetter und an ostpreußische Flüsse. Mein Buch ist ja auch eine nachgeholte Geographiestunde. Ich schreibe über terroristische Winter und die Freuden eines intensiv gelebten Sommers an stehenden und fließenden Gewässern.

Nicht nur aufgrund des Umfangs von über 900 Seiten, auch aus der Leseprobe wird ersichtlich, dass es sich um einen immensen Rechercheaufwand gehandelt haben muss, wie sind Sie vorgegangen und wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Ich habe mindestens 400 Bücher ganz gelesen, 200 weitere in beträchtlichen Teilen; dazu kamen Hunderte von Websites, in denen heute viele Lokalhistoriker und Familienforscher publizieren und diverse Zeitschriftenaufsätze. Wie bin ich vorgegangen? Ich habe zuerst die in den letzten Jahrzehnten erschienene Standardliteratur studiert, dann Fachmonographien, die es mittlerweile zu vielen Spezialthemen wie „Post in Ostpreußen" oder „Die Ostbahn" gibt. Dann kamen die Regionalgeschichten an die Reihe, die es zu jedem der ehemaligen Landkreise oft mit 800 bis 1000 Seiten Umfang gibt, auch sehr viele Ortschroniken. Dazwischen habe ich immer wieder Biographien und Autobiographien gelesen.

An bestimmten Themen habe ich mich festgebissen, da wollte ich es genau wissen, auch wenn im Buch das Ergebnis in einem Satz zusammen gefasst werden musste. Ein Beispiel? Wie war die Fahrt durch den polnischen Korridor 1920 bis 1939 in Eisenbahn und Auto? Was geschieht an einer Grenze genau, wenn – wie 1914, 1939 und 1941 – ein Krieg beginnt?

Die Arbeit hat insgesamt vier Jahre gedauert, eines davon habe ich in Russland gelebt, zwei weitere in Budapest. Das hat das Buch sicher beeinflusst. Es ist auch ein Buch über den Osten Europas, von dem man in Deutschland zu wenig weiß. Ich habe aber nebenher auch noch Filme gemacht und an anderen Büchern geschrieben.

Gab es bei den Recherchen auch für Sie überraschende Entdeckungen?

Viele. Und ich hoffe auch der zum Thema Ostpreußen bereits Belesene wird nicht wenig finden. Gräfin Dönhoff und andere verharmlosen z.B. in ihren Werken das stark ausgeprägte Hierarchische in Ostpreußens Gesellschaft. Die Unterschichten waren in diesen Verhältnissen nicht glücklich. Riesige Schlösser standen neben schäbigen Katen, für deren Instandhaltung angeblich kein Geld vorhanden war. Na ja, wenn man für seine Familie 50 Zimmer und mehr benötigt, dazu jede Menge Personal ....

Eine andere Entdeckung: Ostpreußens Gesellschaft war viel stärker militarisiert als wir Bundesdeutsche uns das heute vorstellen können. Jeder Mann war in der Provinz eigentlich irgendwie immer Soldat. Z.B. waren in Ostpreußen ab 1935 alle Männer zehn Jahre länger wehrpflichtig wie im Rest des Deutschen Reichs, bis zum 55. Lebensjahr! Und mit vielen Ostpreußen, die später darüber geschrieben haben, wundere ich mich, wie wenig man von Polen, Litauern und Russen wusste bzw. wissen wollte. Überraschend war für mich übrigens auch die Menge von Alkohol, die dort vor allem im 19. Jahrhundert, aber auch noch bis zum Ende, getrunken wurde. Das können sich selbst Bayern und Moselwinzer nicht vorstellen.

Über Ostpreußen sind in der Vergangenheit schon eine ganze Reihe Bücher geschrieben worden, es gibt eine Menge Internetseiten etwa zur Geschichte, zur Geographie oder auch zum Humor dieser untergegangenen Provinz, was ist das Besondere, das Ihr Buch von all den anderen abhebt?

Über die Pharaonen und Hellenen werden auch schon seit einigen hundert Jahren immer wieder neue Bücher geschrieben. Jede Zeit stellt ihre eigenen Fragen. In aktuellen Büchern erhalten die Leser dann hoffentlich die Antworten. Mein Buch ist Ereignisgeschichte auf dem Hintergrund von sozial- und geistesgeschichtlich erforschten Strömungen und Prozessen. Es folgt der aktuellen historischen Forschung. Die Ereignisgeschichte erzählt sich sehr häufig aus biographischem Erinnern, wobei ich mich bemüht habe, zu Autobiographien eine kritische Distanz zu bewahren, auch zu Biographien, wenn sie von Epigonen verfasst wurden. Aber sehr, sehr viele Anekdoten, Episoden, kleine Ereignisse und beiläufige Formulierungen ergeben sein sehr plastisches und schlagartiges Bild. Deshalb habe ich ja auch mehr als 900 Seiten gebraucht. Was daneben wirklich neu ist: Ich sehe „Ostpreußen" stark ausdifferenziert nach Regionen, Stadt und Land, Sprache und Religion. Dazu liefere ich - hoffentlich unterhaltsam – die Informationen. In „Ostpreußen – Biographie einer Provinz" wird auch vom Wetter und vom schlimmen Zustand der Straßen berichtet.

Warum sollte sich heute überhaupt noch jemand mit dem Thema Ostpreußen beschäftigen?

Ich habe unendlich viele Argumente, nenne aber nur einige: Die Marienburg, Tannenberg 1412 und 1914, Hindenburg und die Wolfsschanze, Simon Dach, Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Käthe Kollwitz, Hannah Arendt und Marion Gräfin Dönhoff, Otto Braun und Hugo Haase. Man sollte erinnern an die Universität von Königsberg, an ostpreußisches Junkertum, erfahren von litauischer Literaturgeschichte, vom Opfer ostpreußischer Polen 1939. Niemals vergessen dürfen wir die vertriebenen und ermordeten Juden. Ihnen setzt man in Kaliningrad, Klaipeda und Oldzyn keine Stolpersteine. Man sollte sich mit Ostpreußen beschäftigen, um von der Schuld von nicht wenigen Tätern 1933 bis 1945 Kenntnis zu haben, die ab dem Herbst 1944 auch an unschuldigen Opfern von Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit „vergolten" wurde.

Nicht zuletzt. Es dürften heute sicher mehr als zehn Millionen Bundesdeutsche Groß- und Urgroßeltern haben, die aus Ostpreußen stammen. Viele Familien hat es nicht erst 1945 in den Westen vertrieben, sondern auf der Suche nach Arbeit schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Berlin und ins Ruhrgebiet.

In Zeiten des Internets können wir uns viel leichter mit unseren „Roots" beschäftigen. Für alle, die heute oder irgendwann hieran Interesse haben, erzählt „Ostpreußen – Biographie einer Provinz" ihre interessante Geschichte.

Juli 2011

Prträtfoto Hermann Pölking

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